Pappenheim und der wilde Faschingsdienstag von 1826
Der Fasching hatte in Pappenheim seit jeher seinen festen Platz – meist in geordneten Bahnen, gelegentlich mit viel beachteten Umzügen und fröhlichem Miteinander. Dass es aber auch anders kommen konnte, davon erzählt ein bemerkenswertes Schriftstück aus dem Stadtarchiv. Es führt genau 200 Jahre zurück in das Jahr 1826 – in eine Zeit, als das Pappenheimer Land noch keine zwei Jahrzehnte zu Bayern gehörte und das Neue Schloss gerade einmal vier Jahre alt war. In den Akten trägt die Begebenheit die Überschrift: „Tumultuarische Exzesse am Faschingsdienstag“
Bürgermeister war damals Johann Georg Jakob Seybold, jüdischer Hofbuchdruckereibesitzer, gewählt auf sechs Jahre. Der Chronist Georg Fleischmann würdigte ihn als tatkräftigen, energischen und zielbewussten Mann, als Zierde des Handwerkerstandes und des Bürgertums. Zahlreiche Schriftstücke zeugen von seiner Gewandtheit, seiner Sachkenntnis und seiner Vertrautheit mit der Geschichte der Stadt. Einer, der Pappenheims Rechte mit Entschiedenheit zu verteidigen wusste.
Doch Seybold hatte einen mächtigen Gegenspieler: den gräflichen Regierungsrat und Herrschaftsrichter Johann Christoph Bunte. Zwischen Stadtmagistrat und Herrschaftsgericht knirschte es gewaltig. Das Gemeindeedikt von 1818 hatte den Städten neue Rechte eingeräumt – von der Ausübung der Polizeigewalt bis hin zur Zunftaufsicht und der Erteilung von Gewerbegerechtigkeiten. Doch vieles davon war umstritten. Das Herrschaftsgericht machte Ansprüche geltend, der Magistrat pochte auf seine Befugnisse. Ein Ringen um Zuständigkeiten – und um Einfluss.
Mitten in diese Spannungen platzte der Faschingsdienstag des Jahres 1826.
Ohne Anmeldung bei der Lokalpolizeibehörde formierte sich am 7. Februar ein Zug aus 20 bis 25 Bürgersöhnen und Handwerksburschen. Gegen drei Uhr zog der „ganze Schwarm“, wie Seybold später schrieb, ins Schwanenwirtshaus, von dort über den Markt und die Brücke in die Vordere Vorstadt zum Goldenen Löwen. Kreischende, „verstimmt disharmonische“ Instrumente kündigten das Kommen an, begleitet von einer Horde lärmender Kinder.
Eine Stunde später ging es unter lautem Getöse zurück in die Stadt, am gräflichen Schloss vorbei zum Hirschenwirtshaus. Für Bürgermeister Seybold war das Maß erreicht. Einen solchen „ordnungswidrigen, allen Anstand ausschließenden“ Aufzug könne er nicht dulden, notierte er. Er schickte den Polizeidiener Pöbel mit der klaren Ansage, man möge sich ruhig ins Wirtshaus begeben und Lärm auf der Straße unterlassen – andernfalls drohe Arrest.
Die Reaktion fiel anders aus. Statt Nachachtung brach der Haufen in brüllendes Gelächter aus, verhöhnte den Polizeidiener, schnitt Grimassen und steigerte das Gejauchze zu einem „wehrhaft tumultarischen Geschrei“. Neugierige strömten zusammen. Das polizeiliche Ansehen, so klagte Seybold, sei mit frivolem Übermut mit Füßen getreten worden. Jeder weitere Schritt hätte nur zu „folgereichsten ärgerlichsten Tätlichkeiten“ geführt.
In dieser Lage ließ Seybold mündlich Bericht erstatten und bat um höhere Einschreitung beim gräflichen Herrschaftsgericht. Doch von dort kam eine ganz andere Botschaft. Gerichtsdiener Friedrich Wiesner ließ im Auftrag des Regierungsrats Bunte ausrichten, die Leute sollten sich nur recht vergnügen. Daraufhin trank der Zug unter Schall und Getöse auf die Gesundheit des Herrn Regierungsrats.
Unterstützung durch die dem Herrschaftsgericht unterstellte Gendarmerie blieb aus. Das bunte Treiben verlagerte sich in die Wirtshäuser und dauerte bis spät in die Nacht. Seybold beschwerte sich beim Herrschaftsgericht und beim Königlichen Bezirksamt über das Verhalten von Gerichtsrat Bunte.
Was bleibt, ist mehr als eine launige Episode. Der Vorfall zeigt, wie sehr es in jener Zeit um Zuständigkeiten, Autorität und das Selbstverständnis der Stadt ging. Zwischen Rathaus und Herrschaftsgericht prallten unterschiedliche Auffassungen aufeinander – und der Fasching wurde zur Bühne eines handfesten Kompetenzstreits.
So erinnert der wilde Faschingsdienstag von 1826 daran, dass närrische Tage in Pappenheim nicht nur ausgelassene Freude, sondern mitunter auch politischen Zündstoff mit sich brachten. Und dass selbst kreischende Instrumente und fröhliche Handwerksburschen ihren Platz in der Pappenheimer Stadtgeschichte haben.
Das Titelfoto entstand bei einem Pappenheimer Rosenmontagszug in den 1950er Jahren.